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Viele Männer, Väter und Söhne mußten ihre Familien verlassen und über das Wehrbezirkskommando Mosbach dem Ruf der Waffen folgen.

Neben wochenlanger berauschender Siegesmeldungen machte sich allmählich auch die Grausamkeit des Krieges breit. Denn eines Tages traf auch in Leibenstadt die erste Trauerkunde ein: Heinrich Bauer war am 30. Oktober 1914 gefallen. Ihr sollten bis Kriegsende noch 26 weitere folgen.

Für die Daheimgebliebenen stellten sich zusätzlich nach und nach viele Sorgen und Nöte ein. In den Städten suchte der Hunger die Häuser auf und in der Landwirtschaft fehlte es an Arbeitskräften.

Zur Hilfe der Bauersfrauen, deren männliche Angehörigen an der Front standen, wurden daher Kriegsgefangene eingesetzt. In Leibenstadt bestand ein kleines französisches Lager in der heutigen Scheune von Walter Blum und ein russischer Gefangenenraum im gemeindeeigenen Schafhaus (heute Karl Zimmermann), die von Damian Dickemann bzw. einem Wachmann Ziegler aus Ruchsen bewacht wurden.
Zum Arbeitseinsatz wurden die Gefangenen tagsüber den einzelnen Familien zugeteilt.
Als die Glocken von den Türmen geholt wurden, weil man ihr Metall zu Granatringen benötigte, und als Generalfeldmarschall von Hindenburg im Juli 1918 die Jahrgänge 1900 und jünger vom Kriegsdienst befreite, da wußten alle, daß der Siegestraum zu Ende war.

Freudig wurden alle zu Hause empfangen, die der Hölle des Krieges entronnen waren und in die Heimat zurückkehren durften; Trauer herrschte dagegen noch lange in den Familien, die den Blutzoll des Krieges zu bezahlen hatten. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und der erzwungenen Abdankung Kaiser Wilhelms II. am 9. November 1918 wurde der Weg frei zur Bildung der Weimarer Republik, die aber von der.ersten Stunde an unter dem Druck der Siegermächte zu leiden hatte.

Zur Zahlung der geforderten Reparationskosten an die Alliierten wurde trotz des bereits schleichenden Währungsverlustes neues Geld gedruckt, das zwangsläufig zur Inflation führen mußte. In den Lechner'schen Aufzeichnungen findet sich ein interessanter Vergleich über den Stand der Geldentwertung: So erhielt man vor dem Krieg im Vergleich zu 1922

für 1 Paar Ochsen soviel wie für 1 Paar Stiefel

für 1 Bauernhaus soviel wie für 1 Herrenanzug

für 900 Mark ein Pferd --> jetzt einen Strang

für 500 Mark eine junge Kuh --> jetzt 1 Pfund Butter

für 100 Mark eine Nähmaschine --> jetzt eine Rolle Garn

für 1 Mark ein Pfund Fleisch --> jetzt nichts mehr

Der Höhepunkt wurde am 30. November 1923 erreicht: 1 Billion Papiermark hatte den Wert von 1 Goldmark. Daß aber diese erste drastische Geldentwertung eine etwas zweifelhafte Angelegenheit war, zeigte sich daran, daß denjenigen die Grundstücke oder Sachwerte in ihrem Besitz hatten ein Neubeginn ermöglicht wurde, während alle, die nur ihr Erspartes hatten, fast an den Bettelstab gebunden waren. Hinzu kam noch gegen Ende der zwanziger Jahre die große Weltwirtschaftskrise, die eine nie für möglich gehalte Arbeitslosigkeit verursachte.

In dieser Zeit der Unsicherheit schien der Name "Nationalsozialismus" eine magische Wirkung zu haben, die Schritt für Schritt zur Machtergreifung Adolf Hitlers und in den Zweiten Weltkrieg führte.

Nach dem gewaltsamen Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich am 13. März 1938 und der Übernahme der sudetendeutschen Randgebiete Böhmen und Mähren im Herbst des gleichen Jahres, marschierten die deutschen Truppen im März 1939 in der Tschechoslowakei ein.

Mit dem Angriff auf Polen am 1. September 1939 begann dann endgültig der Zweite Weltkrieg.

An diesem Tag bestellte der Leibenstadter Ortsdiener Christian Wüst in aller Frühe die wehrpflichtigen Männer, die bereits eine militärische Ausbildung hatten, aufs Rathaus, wo ihnen der Stellungsbefehl ausgehändigt wurde. Nach wenigen Abschiedsworten ging es sofort zu Fuß zum nächsten Bahnhof nach Sennfeld, Adelsheim oder Osterburken, von dort mit dem Zug zum befohlenen Meldeort und schließlich Richtung Polen.

Aber nicht nur die Soldaten mußten ihrer vaterländischen Pflicht nachkommen; bereits seit dem Bau des Westwalles im Jahre 1936 wurden auch die Arbeitspferde nach erfolgter Musterung zum Einsatz abgerufen.

In der Heimat sammelten die Schulkinder Heilkräuter, die unterm Kirchendach getrocknet, gereinigt und zur Versorgung der Verwundeten an die Front geschickt wurden. Im kalten russischen Winter 1941/42 strickten die Frauen und Mädchen für die Soldaten reihenweise Kopfwärmer, Ohrenschützer, Handschuhe und Socken.

Zur "Sicherung der Ernährungslage" kamen ab 1940 belgische Kriegsgefangene, die im "Adlersaal" einquartiert waren. Bis heute haben sich freundschaftliche Beziehungen aus jener Zeit erhalten - Erinnerungen an Gefangenschaft in einem fremden Land, in dem man trotz der Schrecken des Krieges Menschlichkeit erfahren durfte.

Fünf Jahre hindurch gelang es den deutschen Soldaten, ihr Land von feindlichen Truppen freizuhalten, bis sich im Januar 1943 nach der Niederlage bei Stalingrad der Zusammenbruch des Widerstandes ankündigte.

Schon bald griff der Krieg durch verstärkte feindliche Bombenangriffe auch auf die Zivilbevölkerung über. Besonders in den Städten brachten sie Tod und Verderben. Die ländlichen Dörfer waren zunächst weniger betroffen, so daß sie häufig die letzte Zuflucht für Ausgebombte und Evakuierte darstellten.

So kam im Zuge der organisierten "Landverschickung" im Juni 1943 eine ganze Schulklasse aus Dortmund zusammen mit ihrer Lehrerin, Frl. Westhoff, nach Leibenstadt und aus Karlsruhe wurden Mütter mit ihren Kleinkindern zugewiesen. In den einzelnen Familien rückte man enger zusammen und half mit allen Dingen aus, die man selbst zur Verfügung hatte.

An den Häusern wurden die Schutzvorkehrungen wie Verdunkelung, Einrichtung von Schutzkellern und der Umgang mit der Gasmaske immer strenger und genauer überwacht.

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Auszug aus dem Heimatbuch